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Chinesisches Schwertfechten

KLEBENDE SCHWERTER [Zhan Jian]

Von Frank D. Miller

 

Die Schwerttechniken bzw. die Prinzipien der so genannten Klebenden Schwerter sind beinahe eine eigenständige Kunst innerhalb des chinesischen Schwertfechtens. Klebende Schwerter Übungen machen viel Spaß, da man „in Zeitlupe“ spielerisch Techniken und Anwendung ausprobieren kann. Beliebt und praktiziert wird die Übung besonders häufig in Taiji Quan Stilen. Kein Wunder, denn vergleichbar sind Klebende Schwerter Übungen mit ähnlichen Prinzipien aus den Handbereichen wie z. B. dem "Tuishou" (Schiebende Hände) aber auch dem sogenannten "Chi Sao" (Klebenden Hände).

 

Wie in den Kampfkünsten im Allgemeinen, gibt es auch hier wieder verschiedene Ansichten und Interpretationen über die Ausführungen sowie Sinn und Zweck dieser „Abart“ des chinesischen Schwertfechtens. Wenn wir das freie Sparring im chinesischen Schwertfechten einmal näher betrachten – was schon aufgrund der Rekonstruktion der Materie nicht einfach ist – liegt hier genau die Herausforderung.

 

Auf welche Epoche und welchen Stil bezieht man sich? Schlachtfeldtechniken oder ziviles Schwertfechten? Es macht schon einen Unterschied ob ich mit dem Schwert eine Rüstung durchdringen muss oder ob in Zivilkleidung gefochten wird. Es bestimmt signifikant die Bauweise sowie die Techniken des Jians. Genauso wie sich das europäische Fechten einst aufgrund neuer Waffentechnologien zu „zivilen Anwendungen“ veränderte, traf dies auch für die chinesischen Fechtkünste zu. Ausgehend vom zivilen chinesischen Schwertfechten, das dass chinesische Jian überwiegend eine Schnitt- und Stichwaffe ist und grundsätzlich nicht „hart geblockt“ wird, machen Klebende Schwerter Übungen daher unter einigen Aspekten wie z. B. dem „Aufnehmen“, „Ableiten“, „Weiterführen“, etc., Sinn.

 

Im freien Fechten ist das permanente Kleben am Schwert tendenziell eher die Ausnahme als die Regel. Denn der Fechter will nicht (permanent) am Schwert des Gegners kleben (und sich kontrollieren lassen), sondern lieber z. B. das spitze Ende seiner Klinge (ungestört und unkontrolliert) in den Körper des anderen stechen... Daher scheinen Klebende Schwerter Übungen erst einmal nur einen bedingten Mehrwert in Sachen freies Schwertfechten zu haben. Eigentlich verhält es sich ähnlich wie beim Tuishou-Training analog zum freien Handkampf. Das Tuishou schult die Sensitivität, aber auch verschieden technische und strategische Möglichkeiten den Gegner zu öffnen und anzugreifen. Aber nicht den freien Kampf als solchen. Auch wenn die Übungsziele (Tuishou/Klebende Schwerter) ähnlich sind, muss aber klar sein, das dass Schwertfechten aufgrund physikalischer Gegebenheiten der Waffe grundsätzlich anderen Regeln folgt. Hierher rührt u. a. auch eines der großen Missverständnisse in der Ausführung der Klebenden Schwerter Übungen – nämlich die Idee das Tuishou 1:1 zu transferieren.

 

Begriffsdefinition „Klebende Schwerter“ / Zhan Jian

 

Schon der Name „Klebende Schwerter“ (engl. Sticky Swords) kann zu einer Fehlinterpretation über die Ausführung der Übung führen. Im chinesischen wird sie „Zhan Jian“ genannt. Das zugrunde liegende Prinzip „Zhan“ (chin. 粘) wird zwar übersetzt mit „an etwas anheften“ und „kleben“, das bedeutet aber nicht gleichzeitig permanent am Gegner zu kleben. Eine weitere, elementare Rolle spielt z. B. aber auch das Prinzip „Nian“ (Verfolgen, Kontrollieren, Kleben). Hier kann man auch wieder die grundsätzliche Komplexität bei der Übersetzung von einzelnen Kampfprinzipien (Schlüssel) erkennen. Es kann Überscheidungen und Ähnlichkeiten geben, in der Ausführung verfolgen sie dennoch unterschiedliche Ziele. Wie dem auch sei – bei der Klebende Schwerter Übung wird zwar überwiegend das Prinzip „Zhan“ und dessen verschiedene Gesichtspunkte geschult, aber halt nicht ausschließlich und auch nicht unter den Prämissen, die das Schwertfechten grundsätzlich nun einmal ausmachen.

 

Trainingsmethodiken

 

Um die Klebende Schwerter Übung besser verorten zu können, stellen wir sie einmal im Kontext zu einem ähnlichen Übungskonzept namens „Blocken-Schlagen“.

 

Der Blocken-Schlagen Trainingsmodus bietet einen nahezu identischen Trainingsaufbau wie die Klebende Schwerter Übung. Er funktioniert sowohl beim Hand- als auch beim Waffenkampf. Er kann sowohl im Einzeltechnik-Modus (Durchführung einer bestimmten Technik, Pause, Wiederholung) als auch in einer endlosen Verkettung diverser Techniken erfolgen (Durchführung einer Technik, Pause, Antwort überlegen, nächste Technik, Pause, Antwort ...). Wobei der letztere Modus nicht mit freiem Sparring zu verwechseln ist! Hauptsächlich unterscheidet sich die Blocken-Schlagen Übung durch „realistischere“ Technikumsetzungen sowie einer anderen Anwendungs-Rhythmik. Die Übung steht vom Schwierigkeitsgrad her vor der Klebende Schwerter Übung. Sie ist gut um ein erstes Gefühl für Basistechniken und deren saubere Ausführung (z.B. Schnittführung) zu trainieren.

 

Die Klebende Schwerter Übung ist eher etwas für Fortgeschrittenere. Die unterschiedlichen Übungs-Modi bieten hier einen spannenden Mehrwert: Zum einen dezidiertes Einzeltechniken-Partnertraining in einer durchgängigen Routine und zum anderen die spätere, freie Verkettung (kleben, verfolgen, etc.) aller gelernten Einzeltechniken zum „freien Fechten“. Da die Übungen zu Beginn weitestgehend im „Slow-Mode“ praktiziert werden, kann überschaubar und spielerisch ausprobiert werden. Ein weiterer Schwierigkeitsgrad wäre es, zu Anfang linear und später mit sich stetig verändernden Vektoren (z.B. Winkeln) zu üben. Nicht zu Letzt ist es der freie Fluss und die freien Technik-Variationen bei den Klebende Schwerter Übungen, der sie wie „freies Sparring“ erscheinen lässt und auch anspruchsvoller macht.

 

Mögliche Ziele der Klebende Schwerter Übungen

 

Als Prämisse für die Übungen, sollten alle praktizierten Grundtechniken in der regulären Anwendung / Technikumsetzung bekannt sein. Denn erst wenn man sich grundsätzlich bewusst ist, das viele Techniken und Anwendungen im Klebenden Schwerter Modus nicht zwangsläufig auch im freien Fechten funktionieren, stellen die Übungen einen wirklichen Mehrwert für die chinesische Fechtkunst dar. Man könnten sonst daraus falsche Schlüsse in Bezug z. B. auf Distanzen und Stellungsvektoren oder der Impuls- und Energieumsetzung bei den Anwendungen ziehen. Aber schon alleine diese Gegenüberstellung beinhaltet gutes Unterrichts-Potential und ermöglicht ein tiefergehendes Verständnis der Techniken und Anwendungen. Das Grundsätzliche Ziel der Übung ist natürlich das Kontrollieren des Gegners. Hierzu können mehrere Ansätze trainiert werden:

 

Der Taiji-Faktor
Bei den Partnerübungen sind erst einmal nicht Kraft und Schnelligkeit gefragt, sondern viel Gespür, Timing, Interaktion und Weichheit. Hinter diesen Attributen verbirgt sich das eigentliche Taiji-Potential der Übung. Wie beim Tuishou versucht man die Energie des Gegners aufzunehmen und weiter zu leiten und z. B. durch geschickte Manipulation der Bindungspunkte beim kleben dem Gegner sein Vorhaben zu verschleiern und ihm scheinbar leer zu begegnen und zu konrollieren. Dass sich später für den schnelleren Kampf hieraus Prinzipien ableiten lassen, versteht sich von selbst.

 

Der Technik-Faktor
Ein großes Potential bieten Klebende Schwerter Übungen auch für die strategischen sowie die anwendungs-technischen Aspekte. Stichwörter wären hier z. B. die „Mitte halten“ (Raumkontrolle), die „Bindungspunkte nicht zu verändern“ (leere Manipulation), „strategische Rotationspunkte“ (Wickeln/Technikansatz am gegnerischen Schwert), etc.

 

KLEBENDE SCHWERTER
Das Wu Jian Workshop-Konzept

 

Folgende Inhalte werden unterrichtet:
• Unterschiede von realen und Klebende Schwerter Anwendungen
• Erläuterung der strategische Lernaspekte der Übung
• dezidierte Einzeltechnik-Übungen
• freies Kleben (mit und ohne Vorgaben)

 

Rückfragen zum Thema oder zum Workshop bitte an
Laoshi Frank D. Miller
post[at]wudao-koeln.de
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